Wasser braucht den Menschen nicht – aber der Mensch braucht Wasser

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Aralsee 1989-2008
Aralsee 1989/2008 (Quelle: eigenes Bild)

Wasser ist die Grundlage des menschlichen Lebens. Ohne Essen zu überleben, ist zumindest noch einige Wochen möglich, ohne Wasser sind es nur wenige Tage. Wenn wir in Deutschland Durst haben, können wir in die Küche gehen und direkt aus dem Wasserhahn trinken. Meist kann man zwischen mehreren Flüssen oder Seen wählen, wenn man draußen mit Freunden ein gemütliches Bier trinken will, während das Basilikum in der Wohnung nur vertrocknet, weil man zu faul zum Gießen ist oder es vergisst. Sich im Alltag über Wasser keine Gedanken mach en zu müssen, ist Luxus. Gleichzeitig sieht der ehemals viertgrößte See der Erde, der Aralsee, von oben nur noch aus wie eine Pfütze und in Norditalien herrschen Autowaschverbote zur Wassereinsparung, während die Behörden bei den Gemeinden des Gardasees um Wasser betteln müssen.

Dass der Klimawandel dabei nicht unbedingt die entscheidende Rolle spielt, ist zwar eine unangenehme Wahrheit, die es unmöglich macht, die Schuld solcher Tragödien vermeintlich global zu verteilen, genauso aber liegt darin die Möglichkeit, derartiges zukünftig auch unabhängig von der Untätigkeit anderer verhindern zu können.

Natürlich lässt sich in der Regel nicht ein einziger Schuldiger, eine einzige Fehlentscheidung finden. Trotzdem können fast immer konkrete, im Nachhinein verhinderbare Gründe für den Wassermangel benannt werden. Der Aralsee ist der Planwirtschaft der Sowjetunion zum Opfer gefallen: in den 60er Jahren entstanden unter Stalin riesige Baumwollplantagen in Zentralasien. Ein Kilo Baumwolle benötigt (je nach Aridität des Anbaugebiets) etwa 11.000 Liter Wasser, doppelt so viel wie ein Kilo Schweinefleisch. Bewässert wurden die Plantagen, indem einer der Zuflüsse des Aralsees umgeleitet wurde. Der See, der keinen Abfluss hat und sich durch seine riesige Fläche allein durch die Verdunstung einigermaßen im Gleichgewicht halten konnte, verschwand rasant (siehe Abb. 1). Heute existiert nur noch der nördlichere Teil in Kasachstan, der durch einen Staudamm erhalten werden konnte. Im südlichen Teil gibt es nun nicht mehr nur kein Wasser, der mit Pestiziden versetzte Salzstaub am ehemaligen Seegrund macht der Gesundheit der verbliebenen Bewohner zu schaffen. Speiseröhrenkrebs ist in der Region etwa 25-mal häufiger als im weltweiten Durchschnitt und als wäre das noch nicht genug, erkranken dort dank eines ehemaligen Testgeländes für Biowaffen auf einer damaligen Insel noch heute Menschen an der Pest.

In der Po-Ebene in Norditalien ist die Lage zwar nicht ganz so dramatisch, trotzdem reichte schon ein trockener Winter wie dieses Jahr, um den sonst mit Schmelzwasser gespeisten Po und seine Seitenflüsse fast komplett austrocknen zu lassen. Das liegt auch hier nicht zuletzt an der Landwirtschaft: in Norditalien wird Reis angebaut, der traditionell mithilfe der wasserintensiven Flutbewässerung bewässert wird. So durfte Wasser in mehreren italienischen Städten wochenlang nur als Trinkwasser und zur Hygiene benutzt werden. Um dem Wassermangel entgegenzuwirken, wollten die südlicher gelegenen Gemeinden Wasser aus dem Gardasee abzapfen. Zuerst hatten die Gemeinden des Gardasees vehement widersprochen, dann aber doch die Schleusen geöffnet. Als Resultat sank der Wasserstand des Gardasees innerhalb kurzer Zeit um einen halben Meter – auch dort eine Bedrohung, für Ökosysteme als auch die Tourismusindustrie. Trotzdem führt der Po nur etwa 1/5 seiner üblichen Wassermenge und ist damit so leer wie seit über 70 Jahren nicht mehr. 
 
Sowohl in der Po-Ebene, als auch beim Aralsee handelt es sich um direkt durch die Landnutzung des Menschen verursachte Probleme, die durch den Klimawandel nur beschleunigt wurden. Welche Nutzpflanze wie und wo angebaut wird, hat sehr große Auswirkungen auf den Wasserverbrauch, den Ertrag und damit auch auf die Nachhaltigkeit. Ein geeignetes Maß, um die Sinnhaftigkeit einer Bewässerungsmethode abzuschätzen, ist die Wasserproduktivität (oft Liter pro Kilo oder Liter pro Kalorie). Die größten Wassereinsparungspotenziale finden sich global gesehen vor allem in wasserreichen Schwellen- und Entwicklungsländern, die noch nicht über fortgeschrittene Technologien oder das nötige Knowhow verfügen. Das wichtigste Beispiel ist Indien. Wasserüberschuss an den Flüssen Indus und Ganges im Norden, oft fehlende Wasserpreise oder Kontrollen machen die dortige Landwirtschaft zu einer der global unproduktivsten und führen gleichzeitig zu Wassermangel im Süden Indiens. Die größten Ertragssteigerungspotenziale finden sich vorrangig hauptsächlich in wasserarmen Schwellen- und Entwicklungsländern im globalen Süden. Dort ist Wasser oft der limitierende Faktor in der Landwirtschaft. Hier könnten bei einer sinnvollen Verwendung mit vergleichsweise wenig Wasser extrem hohe Ertragssteigerungen erzielt werden. Bei mehrjährigen Studien zum Weizenanbau im Iran konnten durch ergänzende Bewässerung Ertragssteigerungen von bis zu 350% erzielt werden. Der Weizen wurde dabei nur dann bewässert, wenn er unter starkem Wasserstress stand. So konnte am Ende eine sehr hohe Wasserproduktivität erreicht werden. Bewässerung richtig eizusetzen, bringt also große ökologische und ökonomische Vorteile, das Wasser muss natürlich zur Verfügung stehen. Es gibt verschiedene Ansätze, um Wassermangel zu bekämpfen. Über Regenauffanganlagen, Speichersysteme und Wiederverwendungsmechanismen die bei Bewässerung überschüssiges Wasser auffangen bis hin zu utopistischen Ideen wie einer Wasserumverteilung. Eines haben alle Ansätze gemeinsam: Es gibt noch viel zu tun und es braucht noch viel Engagement, Kooperation und Kompromissbereitschaft. In der Zwischenzeit kann man aber auch über das eigene Konsumverhalten einen kleinen Beitrag leisten. In der Regel braucht man das neunte Paar Sneaker dann ja doch nicht unbedingt und der kalte Kakao der nicht von Nestle produziert wird schmeckt auch nicht schlechter. 
 

Quellen

• A. Y. Hoekstra, and M. J. Booij: Review and classification of indicators of green water availability and scarcity (2015)
• Bundesministerium für Wirtschaft und Energie: Wasser- und Abwasserwirtschaft in Indien (2020)
• J. Jägermeyr1 , D. Gerten1 , J. Heinke1,2,3 , S. Schaphoff1 , M. Kummu4 , and W. Lucht: Water savings potentials of irrigation systems: global simulation of processes and linkages, (2015)
• Johan Rockstro¨m: Managing water in rainfed agriculture—The need for a paradigm shift (2009)
• M. M. Mekonnen and A. Y. Hoekstra: The green, blue and grey water footprint of crops and derived crop products (2011)
• P. Pathak: Rainfed Agriculture: Unlocking the Potential (2015)
• S.P. Wani,1* T.K. Sreedevi,1** J. Rockström: Rainfed Agriculture – Past Trends and Future Prospects (2009)
• Steve Frolking,1 Ellen M. Douglas,2 ,3 and Andreas H. Schumann: Global irrigation water demand: Variability and uncertainties arising from agricultural and climate data sets doi:10.1029/2008GL035296 (2008)
• Stockholm Environment Institute: Rainwater harvesting: a lifeline to human well-being (2009)
• Theib Oweis: Supplemental Irrigation, A Highly Efficient Water-use Practice (2012)

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