„Wir wissen eigentlich schon genug, jetzt müssen wir endlich handeln.“ Mit diesem klaren Appell startete unser Interview mit Professorin Julia Pongratz vom Lehrstuhl für Physische Geographie und Landnutzungssysteme an der LMU München. Im Rahmen unseres Schülerpraktikums hatten wir die Gelegenheit, mit mehreren Wissenschaftler:innen aus dem Department für Geographie zu sprechen, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit Klimawandel, Landnutzung und nachhaltiger Entwicklung beschäftigen. Dabei wurde schnell deutlich: Die nötigen Informationen liegen längst vor, aber die Umsetzung ist komplex und erfordert Veränderung auf vielen Ebenen, vor allem in der Politik aber auch der Gesellschaft.
Julia Pongratz hob zwei zentrale Aspekte im Klimaschutz hervor: Methoden zur CO₂-Entnahme (Carbon Dioxide Removal) und sogenannte biogeophysikalische Effekte, wozu etwa die kühlende Wirkung von Wäldern zählt. Gleichzeitig wies sie darauf hin, dass Debatten wie die um Windkraft ihrer Meinung nach oft falsch geführt werden. Der Fokus liege zu sehr auf Ästhetik („Windräder sehen hässlich aus“) und zu wenig auf dem eigentlichen Nutzen für Umwelt und Klima. Denn Ästhetik sei subjektiv und ein vom Menschen festgelegter Wert. So formulierte schon Hans Carl von Carlowitz im Jahr 1713, dass Nachhaltigkeit bedeute, nur so viel zu entnehmen, wie auch wieder nachwächst. „Dies ist ein Prinzip, das eigentlich einfach klingt, aber schwer in gesellschaftliche Strukturen zu übersetzen ist.“, so Julia Pongratz.
Wie solche Maßnahmen in der Praxis aussehen könnten, erklärten uns Christoph Jörges und Elisabeth Probst, die mit computergestützten Modellen arbeiten. Mithilfe physikalischer Gleichungen und Dateneingaben simulieren sie zum Beispiel, wie sich verschiedene landwirtschaftliche Szenarien auf den Wasserhaushalt auswirken oder wie Ernteerträge vorhergesagt werden können. Diese Modelle bilden die Grundlage für wissenschaftliche Publikationen und liefern wichtige Informationen für politische Entscheidungen. Das Idealbild, das Christoph Jörges und Elisabeth Probst für die Landwirtschaft zeichnen, ist klar: Landwirtschaft soll standortgerecht, ökologisch tragfähig, wirtschaftlich sinnvoll und sozial gerecht sein. „Wichtig sei eine klimaresiliente Landnutzung, die natürliche Ressourcen wie Wasser, Nährstoffe und Fläche nachhaltig und effizient nutzt“, so Elisabeth Probst.
Felix Gulde, der sich mit verschiedenen Zukunftsszenarien über den Klimawandel beschäftigt, unterstrich, dass sich Gesellschaften sehr unterschiedlich entwickeln können. Dabei analysiert er „Hebel, Hürden und Chancen“, die auf dem Weg zu einer nachhaltigeren Welt auftreten. Er schlussfolgert, dass deshalb auch die Politik gezielt Anreize setzen müsse, damit Hürden überwunden und Chancen genutzt werden können. Sein Fazit: Ohne Verhaltensänderung beim Konsum und klare politische Rahmenbedingungen werde Treibhausgasneutralität nicht erreichbar sein.
Tobias Nützel, der unter anderem zur Wiederaufforstung und zu mehrjährigen Bioenergiepflanzen wie Miscanthus forscht, setzt ebenfalls auf datenbasierte Modelle. Dabei, so Tobias Nützel, seien zum Beispiel Agroforstsysteme als Klimaschutzmaßnahme, so vielversprechend sie in der Realität sind, wegen ihrer großen räumlichen Heterogenität aus hoch- und niedrig-wachsenden Pflanzen nicht ohne Weiteres in globalen Modellen abbildbar. Die Herausforderung, für bestimmte Klimaschutzmaßnahmen die wissenschaftlichen Grundlagen zu beschreiben ist das Eine. Für mehr Nachhaltigkeit sieht Nützel einen anderen entscheidenden Parameter, nämlich im Fleischkonsum, denn ein Großteil der landwirtschaftlichen Fläche weltweit wird für die Produktion von Tierfutter genutzt – Fläche, die deutlich effizienter für den Anbau von Lebensmitteln eingesetzt werden könnte, die der Menschen direkt konsumieren kann.
Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet Johanna Höhl die Lage. Sie beschäftigt sich mit der Wechselwirkung zwischen Menschen und Umwelt und macht deutlich, dass jede noch so gut gemeinte Lösung neue Herausforderungen mit sich bringt. Nachhaltigkeit sei kein starres Zeil, sondern ein dynamischer Prozess. Als Beispiel nannte sie die Problematik des Staudammbaus in Chile. In indigenen Gebieten kommt es an dieser Stelle nicht nur zu Veränderungen von Wasserflüssen und Eingriffen in die Natur, sondern auch zu Beeinträchtigen kultureller sowie religiöser Elemente, die eng mit Flüssen und Wasser verbunden sind. Diese für die lokale Bevölkerung zentralen Elemente würden in technischen Planungen oft übersehen. Für Johanna Höhl ist es deshalb essenziell, in solchen Konflikten verschiedene Perspektiven ernst zu nehmen und die Toleranz gegenüber anderen Sichtweisen zu stärken: Demokratie lebe vom Dialog, vom Zuhören, vom Mitreden, „Bottom-up“-Prozesse, also Beteiligung aus der Gesellschaft, seien genauso wichtig wie wissenschaftliche Expertise und politische sowie wirtschaftliche Interessen.
Fazit
Unsere Interviews haben uns gezeigt, dass der Weg in eine nachhaltige Zukunft kein einfacher, aber ein machbarer ist: Wissenschaftliche Erkenntnisse sind vorhanden, Modelle zeigen mögliche Pfade, politische Maßnahmen könnten umgesetzt werden. Doch es braucht mehr als nur Wissen: Es braucht Mut zur Veränderung, gesellschaftlichen Dialog und das Bewusstsein, dass jede Entscheidung neue Fragen aufwirft. Nachhaltigkeit ist kein Zustand – sondern ein ständiges Aushandeln von Interessen, Möglichkeiten und Werten.
Oder wie es Julia Pongratz ausdrückte: „Du kannst, so wolle nur.“ (Faust)
Helena Link & Anna Klymenko